Lebendige Maya-Kultur in Mexiko

Reisebericht für die Frankfurter Neue Presse

Eine Blume ist eine Blume ist … Und die Maya sind doch längst untergegangen. Wer das glaubt, wird im mexikanischen Chiapas rund um San Cristobal de las Casas eines Besseren belehrt. Ein Gang über einen Markt mit fachkundiger Führung zeigt es farbenfroh in gewebten und bestickten Stoffen: Die heutigen Maya tragen in ihrer Kleidung die Geschichte von Chiapas. Florale Elemente haben da eine besondere Bedeutung.

Während einer Mexiko-Reise habe ich das entdeckt. Für die Frankfurter Neue Presse durfte ich später  einen Text zu diesem spannenden Thema schreiben. Die Fotos dazu konnte ich gleich mitliefern.

Bunt gewebte Geschichte

Die Maya-Märkte von Mexiko sind das modische Schaufenster einer uralten Kultur

Von weitem sieht der Markt von Zinacantán aus wie ein violettes Meer, auf dem Blumen um die Wette blühen. Sie blühen auf Röcken. Vereinzelt oder verschwenderisch den ganzen Stoff bedeckend. Sie blühen auf den Umhängen, die die kleingewachsenen und meist zierlich wirkenden Indio-Frauen um ihre Schultern geschlungen tragen. Trotz der Sonne ist es noch etwas frisch an dem Sonntagmorgen im Hochland von Chiapas. Auf dem Boden des Marktplatzes stehen Kartons mit nach Farben sortierter Wolle. Eine Frau sitzt etwas gelangweilt dahinter. Woanders beugen sich Frauen über die ausgebreiteten Oberteile, besprechen sich, lachen. Hier und da glitzert metallisches Garn violett oder rosa aus den gewebten Stoffen. Einige der Blumen leuchten in neonfarbener Wolle. Die bunten Garne verraten auch dem, der nicht mit der Maya-Mode vertraut ist, dass sich die Kleidung der alten Stämme in den Dörfern um San Cristóbal de las Casas stets verändert. Es sind kleine Details. Doch sie zeigen, wie lebendig die Maya auch heute noch sind, obwohl doch selbst deren am besten erhaltenen, imposanten Ruinen wie ein Stein gewordenes Denkmal für ihren Untergang wirken. Bei einem Gang über einen Indio-Markt aber blickt man wie durch ein Schaufenster auf die Mode der Maya und damit gleichzeitig auf Gegenwart und Geschichte dieser Kultur. Hier kann man erfahren, dass die Trachten und dazugehörigen Bändchen oder Gürtel, die die Indios in San Cristóbal de las Casas allenthalben auf Märkten und in den Straßen des Kolonialstädtchens verkaufen, viel mehr sind als nur bunte Souvenirs. Sie sind gewebte oder gestickte Geschichte.

Auf dem Markt in Zinacantán kommen ein paar Indios auf Chip Morris zu, der uns begleitet. Egal ob Tzotzil- oder Tzeltal-Maya: Den Touristen gegenüber verhalten sie sich eher misstrauisch, manchmal sogar unwirsch. Doch mit Chip Morris lachen und reden sie freundlich. In einer Sprache die so gar nicht nach Spanisch klingt. Es ist Tzotzil, eine der rund 30 noch existierenden Maya-Sprachen. Chip Morris ist ein Experte für die Mode der Maya und hat bereits Bücher darüber geschrieben. Seit 1972 lebt er in Chiapas und ist oft in den Dörfern unterwegs. Er war Direktor des Museums- und Forschungszentrums Na Bolom in San Cristóbal de las Casas und Mitbegründer von Sna Jolobil, einer Kooperative von rund 800 indigenen Weberinnen aus dem Hochland von Chiapas.

Alle Epochen vorhanden

Chip Morris hat erforscht, wie Mythologie, Maya-Kalender und Astronomie das Design und die Muster der Hochland-Maya beeinflussen, und er hat die Maya-Kleidung von Yaxchilan und Largartero analysiert. Dabei fand er heraus, dass sich das aktuelle Design der Hochland-Maya bis hin zur klassischen Maya-Zivilisation nachvollziehen lässt. „Ich habe bei meiner Arbeit 3000 Jahre zurückgeblickt und gesehen, dass noch alle Epochen in der täglichen und der zeremoniellen Kleidung bewahrt werden. Jede der rund hundert Maya-Communities bewahrt einen anderen Moment der Geschichte in ihrer Kleidung. Wenn man all das zusammennimmt, dann tragen die Maya heutzutage in ihrer Kleidung die gesamte Geschichte von Chiapas.“
Viele der Muster, die die farbenfrohe Mode der Maya-Nachfahren in anderen Hochland-Dörfern um San Cristóbal zieren, sind nur scheinbar abstrakt. Sie zeigen stilisierte Schlangen oder Schmetterlinge, Frösche oder Vögel oder auch Heilige. Chip Morris kann diese Zeichen lesen und erkennt sie als Ausdruck der Geschichte der Maya: angefangen bei den klassischen Maya-Zeichnungen über die spanische Kolonialzeit bis hin zur mexikanischen Revolution oder eben dem heutigen Leben. Jedes Dorf hat seine eigene typische Kleidung. Die Blumen gibt es nur bei den Tzotzil aus Zinacantán.

Als wir später von einer höher gelegenen Straße auf das Dorf blicken, sehen wir, warum und in welchem Moment der Maya-Geschichte die Blumen den Weg auf die Stoffe der Tzotzil aus Zinacantán gefunden haben. Um das Dorf finden sich Gewächshäuser für Zierpflanzen und Gemüse statt der sonst üblichen Felder für Mais und Bohnen. Es waren die Blumen, die Zinacantán – zumindest verglichen mit anderen Indio-Dörfern um San Cristóbal – in den letzten Jahrzehnten zu einem bescheidenen Wohlstand verholfen haben. Seit den 90er Jahren eroberten die Blumen in Zinacantán auch die Kleidung. Zunächst noch sparsam, jetzt oft als wahre Blütenpracht.

Neuer Schmuck für die Bluse

In den 1970er Jahren sei der Huipil, das bekannteste traditionelle Kleidungsstück der indigenen Frauen, noch ganz schlicht gewesen, so Chip Morris. Es handelt sich um eine Art Bluse mit einfachem, eckigem Grundschnitt, meist oberkörperlang. Manchmal reicht sie aber auch bis zu den Knien oder Waden. Man findet sie auch in anderen Regionen Mexikos – in Quintana Roo, Oaxaca oder Tabasco. Schon Malinche, die Geliebte des Mexiko-Eroberers Hernando Cortés, trug einen solchen Huipil. Das war Anfang des 16. Jahrhunderts im Tausende Kilometer entfernten Tenochtitlan, auf dem Gebiet des heutigen Mexiko-Stadt. Der Schnitt blieb immer gleich, doch die kunstvollen Stickereien wandeln sich und erzählen viel über die Kultur.
Morris hat miterlebt, dass sich die Web- und Stickkultur in den vergangenen 20 Jahren in Chiapas dramatisch verändert hat. Besonders in Zinacantán, wo plötzlich die Blumenstickerei begann. „Und zwar in leuchtenden Farben, die man unmöglich übersehen konnte“, lacht er. Bruch mit der Tradition? Doch Änderungen geschehen in einer stark von Traditionen geprägten Gesellschaft nicht einfach so. Die Frage über die Farbe und Verzierung der Kleidung kann ein Dorf schon mal spalten. Morris: „Lokale Experten fürchten um die traditionelle Kultur.“ Dorf-Autoritäten fanden, dass mit der Tradition gebrochen würde und versuchten eine Retro-Welle einzuläuten. Morris selbst interpretiert diese Änderungen im Design als ein Zeichen von Lebendigkeit. Auch bei der Maya-Mode gebe es Trendsetter, und wie „unsere“ Mode unterliege auch diese einem Wandel.

Link zum Artikel in der Frankfurter Neuen Presse

Vielen Dank,

dass Sie sich Zeit für meine Arbeit genommen haben!