Kubas tanzendes Aushängeschild

Für die FNP bei Ballettproben in der Karibik

Beim Ballet Revolución mischen sich klassischer und moderner Tanz, sind Spitzentanz und Sich-über-den-Boden-rollen nur ein Duett voneinander entfernt und treffen lyrische Passagen auf R ’n’ B. Die Truppe probt im Teatro Nacional in unmittelbarer Nähe zur Plaza de la Revolución. Und damit auch in unmittelbarer Nähe zu Ministerien und der Kommunistischen Parteizentrale.

Für die Frankfurter Neue Presse durfte ich nach Kuba reisen und nicht nur etwas über das tanzende Aushängeschild des Karibikstaates erfahren, sondern auch die eindrucksvolle Hauptstadt Havanna erleben. Natürlich hatte ich meine Kamera bei Proben und Streifzügen durch die Stadt dabei!

Das moderne Kuba tanzt sich frei

Die Show der Truppe aus Havanna ist weniger von der traditionellen Musik Lateinamerikas inspiriert als vielmehr von zeitgenössischem Pop, R ’n’ B und Hip-Hop.

Salsa, Son oder Danzon? Lianett Rodríguez González und ihr Freund Danilo Machado Meneses schütteln lachend ihre Köpfe. Sie mögen Jazz und Elektromusik, Death Punk, Bob Marley, Bruno Mars oder Rihanna. Darum besuchen sie in Havanna auch gerne den Club „Bertolt Brecht“, in dem man keine Salsa tanzenden Touristen oder kubanische Musik aus Brechts Zeiten erwarten sollte. Mit ihren Musikvorlieben sind die beiden Tänzer genau richtig bei „Ballet Revolución“. Denn von den spanischen und afrikanischen Wurzeln, die die traditionelle und populäre kubanische Musik so beeinflussen (von der kubanischen Rumba über Salsa bis Nueva Trova), ist der Musik-Mix, mit dem die Truppe nun schon zum dritten Mal nach Frankfurt kommt und vom 22. April bis 2. Mai in der Alten Oper gastiert, eher weniger inspiriert. „Ballet Revolución“ lebt von den modernen Pop-, R ’n’ B- und Latin-Hits. Etwa 70 bis 80 Prozent der Songs der 2011 zusammengestellten Show wurden jedoch neu arrangiert und choreografiert.

Mehr als Son und Rumba

So dröhnen auch bei den Proben im 9. Stock des Teatro Nacional de Cuba David Guetta, Rihanna oder Robin Thicke aus den Boxen. Dazu wirbeln die Tänzer durch den Probenraum: mal in die Höhe strebend und mal afrokubanisch erdig, mal virtuos, mal athletisch. Wer gerade nicht dran ist, dehnt sich, um für den nächsten tänzerischen Einsatz geschmeidig zu bleiben, übt eine Sequenz, trinkt etwas, sieht den anderen zu, plauscht leise oder ruht sich einfach aus. Zwischendurch gibt der Choreograf Roclan Gonzales Chavez immer wieder Anweisungen. Zu den Proben erscheint er übrigens wie Fidel Castro im Trainingsanzug, dazu trägt er ein T-Shirt mit Kuba-Fahne und ein Cappy. Seine Arbeit sieht er so: „Für die meisten ist das Kuba-Klischee Tabak und alte Autos, Straßen im Kolonialstil, Son, Rumba und Salsa. Aber Kuba ist viel mehr. Es gibt zeitgenössische und klassische kubanische Musik. Es gibt zeitgenössischen und klassischen Tanz auf Kuba. Und wir zeigen ein zeitgenössischeres Kuba.“

Während Lianett und Danilo, die sich bei „Ballet Revolución“ kennen und lieben lernten, vom zeitgenössischen Tanz kommen, ist Jenny Sosa Martínez eine klassische Balletttänzerin. Wenn sie nicht auf Tour ist, lebt sie in einer Wohnung am Rande Havannas mit ihrer Großmutter und Mutter. Bilder von ihr aus „Schwanensee“, „Nussknacker“ oder „Don Quijote“ zieren dort eine Wand. Sie liebt das klassische Ballett, sagt aber auch: „Moderne und klassische Tänzer lernen bei uns voneinander. Diese Art der Fusion ist für Kuba neu.“

Keine Frage, dass es bei dieser Truppe, die klassischen und modernen Tanz mischt, wo Spitzentanz und Sich-über-den-Boden-rollen nur ein Duett voneinander entfernt sind, wo sich lyrische Passagen und R ’n’ B treffen, auch keine ethnischen Barrieren gibt, afrikanische Wurzeln wie europäische die Gesichter und Körper der Tänzer prägen. Eine Besonderheit überhaupt des kubanischen Balletts.

Sieht man von den Tänzern ab, ist die Hauptstadt Havanna samt ihrer Geschichte bei „Ballet Revolución“ trotz des Namens ganz weit weg. Dabei befindet sich das Teatro Nacional in unmittelbarer Nähe zur Plaza de la Revolución. Und damit auch in unmittelbarer Nähe zu Ministerien und der Kommunistischen Parteizentrale. Eigentlich müsste man natürlich fragen, wie das alles zusammenhängt, ob es Verbindungen zwischen Staat und dem tanzenden Aushängeschild Kubas gibt, oder wie die Truppe zu Politik und System ihres Landes steht. Doch was könnten die sympathischen Tänzer antworten, ohne sich damit unter Umständen in Schwierigkeiten zu bringen? Also bleibt man bei Tanz und Musik, die zu Kuba gehören, wie die allgegenwärtigen Symbole, Bilder und Sprüche der kubanischen Revolution.

Und landet dann doch wieder bei der Revolution und Fidel Castro. Viele der Tänzer der Truppe habe ihre Ausbildung an der Escuela Nacional de Arte (ENA) durchlaufen. Das Areal, auf dem sich seit 1965 die Künstlerschmiede befindet, war einst eines der besten Golfgebiete Südamerikas. Als Castro jedoch das herrliche Gelände sah, soll er beschlossen haben, dass hier die Kunstausbildung einen Ort haben müsse. So tummeln sich dort statt golfspielender Millionäre heute Studierende der Bereiche Theater, Musik, Tanz, Bildende Künste oder Ballett.

Nur vom Aufbruch, der in und zwischen den Gebäuden der Architekten Ricardo Porro, Vittorio Garatti and Roberto Gottardi ehemals geherrscht haben muss, ist angesichts der von Schimmel befallenen und auf der Unesco-Liste stehenden Bauten nur noch wenig spürbar.

Professioneller Tanz ist im ansonsten tanzfreudigen Kuba noch sehr jung. Kubas erste Ballettcompagnie, das „Ballet Alicia Alonso“, wurde 1948 gegründet, und der Moderne Tanz hielt sogar erst nach der Revolution 1959 in Kuba Einzug. Dafür ist die Nachwuchsrekrutierung jedoch sehr gut organisiert. Für die Klassen der ENA beispielsweise werden in allen Teilen des Landes die talentiertesten Kinder und Jugendlichen gesucht. Ausgebildet wird nach bester sozialistischer Manier, also nach Plan: Das Kulturministerium weiß, wie viele Tänzer künftig gebraucht werden und gibt mit diesen Zahlen die offenen Ausbildungsplätze vor. Daher gibt es laut ENA auch keine von ihr ausgebildeten arbeitslosen Tänzer. Für die Mitglieder der Truppe, Lianett Rodríguez González und Danilo Machado Meneses, scheint sich die Ausbildung jedenfalls rentiert zu haben.

Bewegung mit der Seele

„Ballet-Revolución“-Choreograf Roclan ist übrigens auch Absolvent der ENA. Er erzählt, dass er in einer Art Ghetto als einziger Weißer mit lauter Schwarzen aufgewachsen ist und auf der Straße mit dem afrokubanischen Tanz in Berührung kam. „Es war anfangs nicht leicht, akzeptiert zu werden.“ Und weiter: „In den Straßen habe ich die Bewegungen mit der Seele gelernt. In der ENA dann später die Technik.“ Lachend fügt er dann hinzu, dass er ein fauler Student gewesen sei. Dennoch scheint er gut beschäftigt. Neben seiner Arbeit für das „Ballet Revolución“ choreografiert er auch für das kubanische Fernsehballett oder die Tropicana-Show in Havanna.

Link zum Artikel in der Frankfurter Neuen Presse

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