Fragiles als Herausforderung

Kurzporträts zu den Preisträgern des Hessischen Staatspreis für das deutsche Kunsthandwerk

1. Preis: Architekturräume mit Eigenleben

Mit dem ersten Preis zeichnet die Jury in diesem Jahr Julika Müller aus Berlin aus. Die offenen Formen ihrer Ringe, Kettenanhänger oder Broschen könnten ebenso aus der Seefahrt stammen wie Überreste von Weltraumobjekten sein und erinnern an Bojen oder Raumschiffkapseln, Fische oder Raketen. Obwohl Müller die Schmuckstücke aus emaillierten Edelstahl und Aluminium vollständig selbst anfertigt, wirken ihre Kreationen als hätten sie bereits ein Leben mit einer Funktion hinter sich, aus dem sie Geschichten erzählen könnten. Ihre Arbeiten sieht sie als „Architekturräume, in die ich mich gedanklich begeben kann und wieder rausschauen. Meine Objekte haben viel mit Blickweisen und Weite zu tun. Mich interessieren Stahlkonstruktionen, Vernietungen und die Frage, wie die Kräfte verteilt sind.“

1966 wurde Julika Müller in Hamburg geboren, wuchs in Schleswig-Holstein auf und verbrachte viele Sommer am Meer. Das hat auch ihre Schmuckkunst geprägt. „Alles Üppige, Barocke ist mir eher fremd“, sagt sie und arbeitet daher mit den kargen und klaren Formen, die sie mit ihrer Kindheit verbindet.Da ihr das Element Feuer wichtig ist, arbeitet Müller, die 1989 eine Goldschmiedelehre in Berlin begann, zurzeit ausschließlich mit Gusstechnik. „Mich interessiert dabei auch die Schwierigkeit der Umsetzung. Etwas Massives zu gießen ist nicht schwer, aber etwas Feines, Fragiles zu schaffen ist eine Herausforderung.“ Dabei sei es für sie immer ein bewegender Moment, wenn sie eine Gussform aufmache. Schließlich ist diese Technik nicht völlig berechenbar. „Auch wenn ich eigentlich weiß, was herauskommt, haben die Objekte doch ein Eigenleben.“ Aber hinter ihren feinen Objekten stecke auch eine Sehnsucht, erzählt Müller: „Auf die maritimen Formen kommt es dabei letztlich nicht an. Es könnte auch in andere Richtungen gehen. Aber das Zarte, Empfindliche daran berührt mich und ist mir wichtig. Auch als Haltung im Leben. Ich finde es wichtig, achtsam zu sein und gut miteinander umzugehen.“

2009 gewann Julika Müller den Preis der Zeughausmesse in Berlin. Im vergangenen Jahr hatte sie ihre erste Einzelausstellung in Berlin und im Oktober nimmt sie am World Crafts Council in Belgien teil: „Darauf bin ich sehr stolz, denn da sind sämtliche Koryphäen vertreten.“

2. Preis: Spitzenstücke aus Polyamidfaden, Edelstahldraht und Perlen

Für ihre geklöppelten Schmuckstücke wurde Stefanie Kölbel mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. Bei ihren textilen Kreationen fertigt sie aus eingefärbten Polyamidfaden, Edelstahldraht und Perlen Ringe, Ohrringe und Ketten an, die durch ihre reduzierte Form bestechen und im zarten Geflecht Raum lassen, um feine Details in den luftig-filigranen Gebilden zu entdecken. „Die Feinheit hat mich immer interessiert. Beim Ansehen der Objekte soll beim Betrachter ganz viel passieren. Er sollte ganz viele feine Details wahrnehmen wollen“, so Kölbel. Viele ihrer bisweilen dreidimensional gewundenen Schmuckstücke sind in Blau- und Grüntönen gehalten, was gut zur Kühle des Metalls passt.

Bereits seit ihrem zweiten Schuljahr klöppelt die 1981 im Vogtland, geborene Stefanie Kölbel, die somit die Kunsttradition ihrer Heimat aufgegriffen hat. „Die Logik hat mich schon immer daran interessiert. Und die Struktur, die durch das Drehen und Kreuzen entsteht.“ Später studierte sie Textilkunst in Schneeberg, Erzgebirge, an der Fachhochschule für Angewandte Kunst, die früher einmal die königlich-sächsische Klöppelschule war.

Bevor sie ihre heutigen Materialien für sich entdeckte, klöppelte sie auch mit Metallen oder Papierfäden. An der Klöppelei schätzt Kölbel auch den meditativen Aspekt, die sich wiederholenden Strukturen und Formen und das Klappern der Hölzer. Seit 2006 ist Kölbel selbstständig. 2008 hat sie mit „Spitzenstücke“ ihr eigenes Geschäft mit Schau- und Arbeitsraum in Dresden eröffnet. Für ihre geklöppelten Schmuckstücke wurde Kölbel 2007 mit dem Bochumer Designpreis und 2010 und in diesem Jahr auf der Tendence mit „Die Form“.

Förderpreis für „Junge Positionen“: Der Stickerei ihren Wert zurückgeben

Ein dritter Preis wird in diesem Jahr nicht verliehen. Stattdessen erhält Sabine Perez den Förderpreis für „Junge Positionen“. Perez verbindet bei ihren Stickereien höchst Gegensätzliches: Erinnerungen an Großmutters Zeiten mit modernen Materialien, industriell gefertigte Wegwerfartikel, denen kein großer Wert beigemessen wird, mit aufwändiger Handarbeit. Die traditionellen Muster und Formen wie Blümchen oder Karos, mit denen sie Servietten, Papiertaschentücher oder Pappteller ziert, edeln dabei jedes Material und geben der Massenware einen exklusiven Anstrich. Mit ihren Arbeiten möchte Perez zum einen „der Stickerei ihren Wert zurückgeben.“

Die 1966 in Fulda geborene Perez lebt in Offenbach und studierte Kommunikationsdesign in Wiesbaden. Von 2004 bis 2007 absolvierte sie den Masters Degree als Handstickerin in Kanvas-, Leinwand- und Goldstickerei. Eigene künstlerische Arbeiten mit Ausstellungen entstehen seit 2004. Im September 2009 präsentierte sie sich bei den 11. Kunstansichten, Offenbach. Dort wurde sie gewissermaßen von der stellvertretenden Direktorin des Museums für Angewandte Kunst, Sabine Runde, entdeckt und für die Teilnahme an der 10. Triennale für Form und Inhalt im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt und im Klingspormuseum Offenbach vorgeschlagen.

Ende September eröffnet sie ihre eigene Galerie in Offenbach, wo neben ihr auch andere Künstler ihre Werke ausstellen. „Aber alle Arbeiten müssen etwas mit Nadel und Faden zu tun haben“, so Perez.

http://www.messefrankfurt.com/frankfurt/de/media/consumergoodsleisure/tendence/frankfurt/texte/texte_archiv/Hessischer_Staatspreis_TE_2011.html

Kurzporträts für Pressemeldung

Für die Messe Frankfurt durfte ich auf der tendence unter anderem die Gewinner des Hessischen Staatspreis für das deutsche Kunsthandwerk treffen. Ich habe mit ihnen gesprochen um für die Pressemeldung der Abteilung Marketingkommunikation/Presse Kurzporträts zu schreiben.

Vielen Dank,

dass Sie sich Zeit für meine Arbeit genommen haben!