Zu gut für die Schublade

Die Frankfurterin Saskia Hennig von Lange hat ein Buch vorgelegt, das prompt ausgezeichnet wurde

 

 

 

 

 

Saskia Hennig von Lange ist Mutter, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Autorin. Ihren Erstling „Alles, was da draußen ist“ hat sie quasi nebenbei geschrieben. Die bayern-2-Wortspiele-Preis-Jury sagt: „Ihr Text zeichnet sich aus durch beklemmenden Reiz und unbarmherzige Schlüssigkeit. Er entstammt einer ganz eigenen Vorstellungskraft“.

(pia) Davon kann ein Autor eigentlich nur träumen: Da hat man mal etwas geschrieben, hat es in der Schublade liegen, schaut irgendwann wieder drauf und denkt sich: zu gut, um es in der Schublade stecken zu lassen. Über ein paar Kontakte kommt man an einen Verlag, der Interesse an dem Manuskript hat und erhält nach nur eineinhalb Wochen die Nachricht: Wir machen das Buch. Kaum veröffentlicht, gewinnt das literarische Debüt in einem Wettbewerb. Die Jury des bayern-2 Wortspiele-Preis lobt: „Saskia Hennig von Langes Sprache ist absolut konkret und vermag dennoch Vieles in der Schwebe zu lassen. Ihr Text zeichnet sich aus durch beklemmenden Reiz und unbarmherzige Schlüssigkeit. Er entstammt einer ganz eigenen Vorstellungskraft – Kafkas ferne Grüße sind kaum wahrzunehmen – und er beweist ein hohes, man möchte fast sagen: makelloses Formbewusstsein.“ Dabei schreibt sie ohne verbissenen Kampf, ohne unbedingtes Wollen und ohne die damit verbundenen Zweifel, was werden könnte, wenn der Plan nicht aufgeht. So ging es Autorin Saskia Hennig von Lange, Jahrgang 1976, in Hanau zur Welt gekommen, im Main-Kinzig-Kreis großgeworden, gerne in Bockenheim lebend. „Ich habe das Manuskript nicht mal mit viel Hoffnung losgeschickt“, sagt Saskia Hennig von Lange über ihre erstaunliche Novelle „Alles, was da draußen ist“ (Jung und Jung Verlag). „Ich habe da eigentlich nicht mal einen besonderen Ehrgeiz. Und auch nicht viele Kapazitäten.“ Das ist wenig verwunderlich, denn Saskia Hennig von Lange schreibt seit sechs Jahren an ihrer Promotion, verdient ihr Geld als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen, ist verheiratet und Mutter eines sechsjährigen Jungen und einer zweijährigen Tochter.

Fragen, die einen nicht schlafen lassen

Ihr literarisches Debüt entstand zwischen den beiden Schwangerschaften. Ausgerechnet, möchte man hinzufügen. Denn in „Alles, was draußen ist“ geht es – oberflächlich betrachtet – um ein wenig lebensfrohes Thema: Ein älterer Mann erfährt, dass er sterben wird. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet dieses Thema zwischen der Geburt zweier Kinder bearbeitet habe, sagt Saskia Hennig von Lange, dass sie auch Nächte kennt, in denen existenzielle Fragen sie nicht schlafen ließen und sie mit der Angst vor dem eigenen Tod und der Endlichkeit des Lebens konfrontiert war. „Aber seit die Kinder da sind, damals war es ja erst mal nur eines, kann ich das besser aushalten. So konnte ich mich dem Thema literarisch stellen. Die Endlichkeit hat einen anderen Drall bekommen, dadurch dass ich Lebenszeugen habe.“ Anders als ihr Protagonist, der keine Lebenszeugen hat und durch sein Leben zu wandeln scheint, wie durch ein Notizbuch und das Außen wie notierend abtastet. Dabei bewegt er sich durch ein anatomisches Museum samt seinen bisweilen schauerlich wirkenden Präparaten.

Probieren, wie es sich anfühlt

Der Titel ihres Debüts passt einerseits zu dem sehr konkreten Stil – und Hennig von Lange verrät, dass sie sich nichts ausgedacht hat. Nicht den Ort und auch keine der beschriebenen Dinge. „Ich probiere das alles selbst aus. Wenn ich darüber schreibe, dass der Mann am Boden liegt, dann lege ich mich selbst auf den Boden, um zu sehen, wie sich das anfühlt, was dabei passiert.“ Zum anderen spiegelt „Alles, was draußen ist“ auch ihre Sicht auf das Leben, auf das Menschsein wider. „Ich neige nicht dazu, mir romantische Vorstellungen über den Menschen zu machen. Ich glaube an keinen geheimen, inneren Kern, der vielleicht zu entdecken wäre. Nur das, was ich gemacht habe, ist da. Am Ende des Lebens ist man der, der man gewesen ist und nicht der, der man gerne gewesen wäre.“ Natürlich, erzählt die Autorin, gebe es Momente, in denen sie sich mal frage, ob auch der Teil Hausfrauendasein ihres Lebens das ist, was sie wolle. Aber dann sagt sie: „Ich hadere nicht. Man muss Verantwortung übernehmen für das, was man tut. Und ich habe Kinder gewollt. Also gehört auch die damit verbundene Arbeit in mein Leben.“

Wege gehen, die das Leben vorgibt

Sorgen, dass es nach dem ungeplanten Buch und ungeplanten Erfolg von „Alles, was draußen ist“ nichts mehr von der promovierenden, Geld verdienenden, zweifachen Mutter Saskia Hennig von Lange zu lesen geben wird, muss man sich nicht machen. „Schreiben ist schon eine Herzenssache. Und jetzt, wo die Tür auf ist, werde ich auch weitergehen.“ Ein nächstes Buch ist bereits in Arbeit. Diesmal geht es im wahrsten Sinne des Wortes nach draußen. Denn Saskia Hennig von Lange schickt einen Protagonisten mit einem Lastwagen durch Europa. Dafür, dass sie wieder einen Mann gewählt hat, gibt es eine Erklärung. „Mir fällt das Schreiben dann leichter. Das befreit mich vom Autobiografieverdacht.“ Ihr Protagonist wird dann an einer Küste landen, nicht ahnend, dass dies das Ende der Fahrt und der Laster bereits leer ist. Aber vielleicht entwickelt sich auch alles ganz anders. Bevor sie weiterschreiben kann, muss sie sich ohnehin zunächst in einen Lkw setzen und „ausprobieren, wie sich das anfühlt, welcher Blick sich einem durch die erhöhte und breite Windschutzscheibe bietet.“ Druck scheint sie keinen zu verspüren. Obwohl ihr die Jury Makellosigkeit attestierte und damit eine Messlatte gelegt ist. „Na klar habe ich gedacht: Holla die Waldfee. Was soll ich da noch nachliefern?“, erzählt sie – und lacht dabei.

Sich frei machen vom Autobiografieverdacht

Saskia Hennig von Lange scheint eine Gabe dafür zu haben, das Leben nicht bezwingen oder in bestimmte Richtungen drängen zu wollen, sondern die Wege zu gehen, die der Zufall oder das Leben sie führt und das Leben tatsächlich in dem zu sehen und zu nehmen, was da draußen ist. So auch bei ihrem Promotionsthema. Denn eigentlich hatte Saskia Hennig von Lange Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert. Und in diesem Studiengang gehört ein Seminar in Kunstgeschichte zum Pflichtprogramm. Den Schein, der zum Abschluss des Seminars nötig war, schob Saskia Hennig von Lange vor sich her, mit dem Thema Mittelalter, um das es gehen sollte, wollte sie sich eigentlich erst gar nicht befassen. Nun promoviert sie zum Verhältnis von Bild, Rahmen und Körper in der spätmittelalterlichen Kunst. Wieder eine Wendung, ein Weg, den zu gehen sie sich nicht ausgesucht hat. Und es nun doch tut. Die Begeisterung für ihr Thema und das, was sie macht, spürbar. So sehr, dass man im Gespräch eine Frage völlig vergisst. Ob sie verwandt oder verschwägert ist mit Pop-Literatin Alexa Hennig von Lange. Aber die Recherchen ergeben. Ja. Ist sie. Aber eigentlich ist das egal. Denn Saskia Hennig von Lange hat ohnehin ihren ganz eigenen Ton. Einen der etwas nach Franz Kafka klingt und irgendwie auch nicht, weil er doch zu eigen ist. Das muss man erst mal schaffen.

Link zum Artikel auf den Seiten von frankfurt.de

Für das Presse- und Informationsamt durfte ich dieses Porträt über die Frankfurter Autorin Saskia Hennig von Lange schreiben.

 

Weitere Porträts finden Sie beispielsweise hier:

Das Auge der Formel 1. Über den dienstältesten Formel-1-Fotograf weltweit. Rainer Schlegelmilch habe ich für das Presse- und Informationsamt getroffen. Die Frankfurter Neue Presse hat das Feature auch gedruckt.

Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ilma Rakusa nannte Oleg Jurjew einen der „originellsten und sprachschöpferischsten Autoren der Gegenwart“. Der russisch-jüdische-deutsche Autor lebt seit 1991 in Frankfurt. Kurz vor seinem 50. Geburtstag war ich für das Presseamt bei ihm.

 

 

Vielen Dank,

dass Sie sich Zeit für meine Arbeit genommen haben!