„Ich bin ein internationaler Cocktail“

Ilse Bing, „Königin der Leica“, ist endlich wieder in ihrer Heimatstadt zu sehen

Der Frankfurter Dom im Hintergrund ist nur unscharf zu erkennen. Er wirkt dunkel und etwas unwirklich. Im Zentrum des Bildes ein fahrender Kahn auf dem Main, dahinter die abgebauten Reste einer der schwimmenden Badeanstalten, die zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Frankfurtern das Baden im Main ermöglichten. Der Sommer ist auf dieser Schwarz-Weiß-Fotografie von Ilse Bing endgültig vorbei. Ende Oktober 1929 kündigt sich schon der Winter an.

Dieses Foto, wie auch andere frühe Fotoreportagen aus Ilse Bings Frankfurter Zeit sind ab sofort in der Galerie Braubach Five zu sehen. Bei einer Nachlass-Auktion der Fotografin in Paris im vergangenen November kamen Fotografien Bings unter den Hammer. Die Galerie hat einige von Bings Frankfurter Fotoreportagen in Paris ersteigert und die Vintage-Abzüge an den Ort ihres Entstehens heimgeholt. Die Fotoreportage über den süßen Apfelwein, ebenfalls aus dem Oktober 1929, die den eigentlichen Beginn von Bings Karriere als Fotoreporterin markiert, ist ebenso zu sehen sein wie Szenen aus dem vorweihnachtlichen Frankfurt 1929. Und eben Aufnahmen vom Abbau der Badehäuser am Main.

Wer den Winter bereits im Herbst fotografisch einfängt, hat einen besonderen Blick. Und das wohl Auffälligste an der Fotografin Ilse Bing waren ihre dunklen Augen und ihr intensiver Blick, der auch auf den für sie so typischen Selbstporträts zu sehen ist. Ilse Bing nahm Details in den Fokus, riskierte ungewöhnliche Perspektiven, zeigte Formbewusstsein und arbeitete mit der Willensstärke der Autodidaktin – und das in einer Zeit, in der nur wenige Frauen ihren Beruf in der Fotografie fanden. 1992 wird sie sagen: „Ich bin nicht Fotografin geworden, sondern ich war es einfach. Ich wusste, das ist das Richtige, das ist mein Weg.“ Ihre Fotos halten in Schwarz-Weiß fest, was oft schon einen Moment später so nicht mehr existierte: Konstellationen von Menschen, Bewegungen, Stimmungen, Alltägliches. Aber sie fotografiert auch Architektur, Tanz und Theater, Werbung, Mode und Porträts. 

1899 wurde Ilse Bing in Frankfurt geboren. 1998 starb sie in New York. Die meisten ihrer fotografischen Arbeiten entstanden im Paris der 30er Jahre. Ihr „Werkzeug“: die Leica. Diese damals neue Kleinbildkamera ermöglichte ihr, die für sie charakteristische Mischung aus abstraktem Formbewusstsein und Schnappschuss. Denn mit der Leica war eine für damalige Verhältnisse leichte, handliche und relativ kleine Kamera auf den Markt gekommen. Sie wurde Bings ständige Begleiterin; sie selbst empfand sie als eine Erweiterung ihrer Augen. Mit der Leica wurde Ilse Bing zu einer Pionierin der Avantgardefotografie und sehr bald schon mit dem Titel „Königin der Leica“ gekrönt. Noch vor Henri Cartier-Bresson nutzte sie die Besonderheiten dieser 35 Millimeter Kamera.

Die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammende Ilse Bing studierte zunächst Mathematik und Physik in Frankfurt, wechselte jedoch bald zur Kunstgeschichte. Ihren Doktor machte sie allerdings nicht mehr wie geplant, und sowohl Freunde als auch Familie reagierten mehr geschockt als erfreut, als sie auf die universitären Weihen zugunsten des eher kühnen Lebens als Fotografin verzichtete. Doch ihr Mut und ihre Entschlossenheit wurden mit Erfolg belohnt. Von 1929 bis 1930 arbeitet Ilse Bing als freiberufliche Fotografin in Frankfurt. Erste Fotoreportagen für die Wochenzeitung „Das illustrierte Blatt“ oder die „Frankfurter Illustrierte“ halten alltägliches Leben fest, dokumentieren soziale Realitäten.

Ihre Architekturaufnahmen aus der Mainstadt zeigen ungewöhnliche Winkel, Schatten und Kontraste, wie sie der Formsprache der Neuen Fotografie und der Neuen Architektur entsprechen. Im November 1930 zieht Bing nach Paris, wo sie bekannt wird. Sie fotografiert Tänzerinnen im Moulin Rouge mit ihren fliegenden Röcken, Straßenszenen und Plakate, den Eiffelturm in individuellen Perspektiven aber auch Mode. Ihre Fotos werden in renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie „Le Monde“, „Harper’s Bazaar“, der „Vogue“ oder „Le Monde illustré“ abgedruckt und in Ausstellungen bedeutender Museen gezeigt, und sie trifft die Großen ihrer Zunft wie André Kertesz, Germaine Krull, Brassai, Man Ray oder Henri Cartier-Bresson. 1940 werden Bing und ihr Mann, der Pianist und Musikwissenschaftler Konrad Wolff, in Paris interniert. 1941 immigrieren beide nach New York. Etwa ein Drittel ihrer bis dahin gemachten Fotos musste Bing wegwerfen, da sie die Zollgebühren nicht bezahlen konnte.

Mit kaum mehr als ihrer Leica und ein paar Fotos kommt sie in New York an. Abermals beginnt sie ein weiteres Leben. Und abermals wirkt eine Stadt auch prägend auf ihre Fotos: „Natürlich hatte ich, in New York lebend, neue Einflüsse und Erfahrungen. Vor allem die Atmosphäre, das Licht usw. veränderten meine Wahrnehmung, ohne meine deutsch-französische Art des Sehens zu zerstören. Wenn man mich fragte, antwortete ich: Ich bin ein internationaler Cocktail.“
 

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