Architekturmuseum guckt Ernst May in die Küche

Es war eine durchdachte und genormte Revolution, mit der Ernst May Frankfurt zwischen 1925 und 1930 an den Stadträndern überzog. Wo immer man auf die von ihm geplanten Siedlungen trifft, sind sie unverkennbar: Ob Mehr- oder Einfamilienhäuser – schmuck- und ornamentlos sind sie, haben glatte Fassaden, Flachdächer, genormte Türen und Fenster.

Dabei garantiert nicht nur das Verhältnis von Fenstergröße zur Hausgröße den Bewohnern ein Maximum an Licht, Luft, Sonne und Ausblick, sondern auch der Raum zwischen den Häuserzeilen. Die schwingen sich mal zu einer leichten Kurve, mal schlagen sie Zickzackhaken und fügen sich dabei immer harmonisch in die Landschaft ein. Mays Architektur war sozial verantwortlich, funktional und vor allem auch bezahlbar.

Das unter dem Signum „Das Neue Frankfurt“ bekannt und berühmt gewordene Wohnungsbauprogramm war eine Revolution in Serie. Gebaut wurde mit vorgefertigten Bauteilen; an die 15.000 Wohneinheiten realisierten Stadtbaurat Ernst May und seine Mitarbeiter.

Auch wenn Spötter und Gegner sie auch mal als Hundehütten bezeichneten: Für unzählige Frankfurter waren die Häuser eine Erlösung. Sie konnten enge Einzimmer-Quartiere in der Altstadt gegen lichte Mehrzimmerbehausungen tauschen. Der Vorsitzende der Ernst-May-Gesellschaft, Eckhard Herrel, weiß, wie innovativ zudem die Haustechnik der May-Häuser war: „Sie verfügten alle über Strom und fließendes Wasser. Die Römerstadt beispielsweise war die erste voll elektrifizierte Siedlung Deutschlands und zählt zu den bedeutendsten Wohnbau-Projekten der frühen Moderne in Deutschland.“

Vor 125 Jahren, am 27. Juli 1886, wurde Ernst May geboren. 1925 wird der studierte Architekt Frankfurter Siedlungsdezernent und entwickelt und organisiert das „Neue Bauen“, plant Stadtrandsiedlungen wie die Hellerhofsiedlung, die Römerstadt oder Praunheim.

Diese fünf Jahre bis 1930 haben May berühmt gemacht. 1930 siedelt er in die Sowjetunion um, nachdem er von der dortigen Regierung beauftragt worden war, im großen Maßstab neue Arbeiterstädte zu entwerfen. May sah es zunächst euphorisch als die Chance, „mitwirken zu können am größten staatspolitischen Experiment aller Zeiten“. Doch das Experiment scheitert. Er gerät zwischen die Fronten von Modernisten und Stalinisten. Der Rückweg nach Deutschland ist ihm versperrt, an eine längere Heimkehr ist nicht zu denken.

Die Nationalsozialisten, denen er als einer der meistgehassten Exponenten der Weimarer Republik galt, haben die Macht übernommen. May emigriert nach Afrika und importiert seine klaren Formen und glatten Fassaden in sein Exil. Doch das tropische Klima nötigt ihn dazu, seine Architektur an die afrikanischen Gegebenheiten anzupassen: Die Häuser müssen mehr Schatten spenden und die Luft innerhalb des Hauses anders zirkulieren können. Der Geschmack der englischen Oberschicht zwingt ihn dazu, opulentere Farmhäuser zu entwerfen.

In Afrika entstehen unter anderem ein Kulturzentrum am Fuß des Kilimandscharo, eine Luxusresidenz für den Aga Khan, aber auch Fertigbauhütten für die schwarze indigene Bevölkerung. Außerdem übernimmt er die Generalplanung für die ugandische Hauptstadt Kampala. 1954 kehrt May nach Deutschland zurück. Sofort wird er Chefplaner für die Baugesellschaft „Neue Heimat“, er hat ein eigenes Architekturbüro und entwirft mit Neu Altona in Hamburg, der Neuen Vahr in Bremen oder auch in Wiesbaden oder Darmstadt Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit. 1970 stirbt Ernst May in Hamburg.

Anlässlich seines 125. Geburtstages präsentiert das Deutsche Architekturmuseum (DAM) zwischen dem 28. Juli und 6. November die Ausstellung „Ernst May (1886–1970). Neue Städte auf drei Kontinenten“. Dabei wird Mays bereits 1912 begonnene Architektentätigkeit in Frankfurt, sein Wohnungs- und Städtebau in Schlesien und „Das Neue Frankfurt“ ebenso beleuchtet wie sein Wirken in der UdSSR und sein zwanzigjähriges Exil im kolonialen Ostafrika.

Hauptleihgeber der Schau ist die Ernst-May-Gesellschaft, ein gemeinnütziger Verein aus Architekten und Kunsthistorikern, der 2003 gegründet wurde. „Wir stellen Fotos, Pläne, Schriftstücke, Artikel und Skizzen aus dem Nachlass für die Ernst-May-Ausstellung zur Verfügung“, so Eckhard Herrel. Auf Betreiben der Ernst-May-Gesellschaft wurde schon im vergangenen Jahr ein restauriertes Musterhaus in der Römerstadt als „Ernst-May-Haus“ offiziell eröffnet. Auf zwei Etagen ist zwischen schlichten, funktionalen Möbeln etwa die einzige komplett erhaltene Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky zu sehen.

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